Schönreden/Schönhören in den Medien

    • Schönreden/Schönhören in den Medien

      zu ndr.de/nachrichten/hamburg/Zwe…-in-Horn,unfall10734.html

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      Sehr geehrte Damen und Herren,

      ich frage mich, warum Sie in Ihrem Beitrag nicht schreiben, dass "aufgrund nicht angepasster Geschwindigkeit" ganz eindeutig "zu schnell"
      bedeutet. Denn zu langsam war es ja wohl nicht, oder? (Klar, in der PM der Polizei steht "nicht angepasst", aber die haben Sie ja erkennbar nicht blind abgeschrieben, so wie dies stumpfere Medien häufig tun.)

      Dieses Schönreden des Zuschnellfahrens verstehe ich nicht -- was bezwecken Sie damit? Nicht nur die Unfallgefahr, sondern auch die Schwere von Unfällen wird maßgeblich durch die Geschwindigkeit beeinflusst und dies aufgrund einfacher physikalischer Gesetze. Ebenfalls steht in der StVO die Forderung, nötigenfalls langsamer zu fahren als die erlaubte *Höchst*geschwindigkeit.

      Wenn, wie hier, die Polizei schon von zu schnellem Fahren spricht (durch die Blume), warum verbinden Sie dies nicht mit einem Appell daran, angepasst (also hinreichend langsam) zu fahren? Schließlich fordern Sie ja auch gerne Fahrradhelme (ndr.de/sport/mehr_sport/freize…estellt,radfahren109.html), obgleich diese weder vorgeschrieben noch in Fachkreisen unstrittig sind.

      Mit irritiertem Gruß,
      flinker

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      Sehr geehrter flinker,

      vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen über unseren Artikel "Zwei Schwerverletzte nach Unfall in Horn".

      Es ist richtig, dass wir zur Beschreibung des Unfallhergangs die Formulierung aus der Polizei-Pressemeldung "aufgrund nicht angepasster Geschwindigkeit" in den Online-Artikel übernommen haben. Es geht dabei nicht um das "Schönreden des Zuschnellfahrens" - dies liegt uns fern und diesen Vorwurf weisen wir zurück. Wir können offizielle Pressemeldungen nicht einfach nach Gutdünken umformulieren und eigene Mutmaßungen über das Unfallgeschehen anstellen und z.B. aus Unfallbeteilgten gleich "Raser" machen.

      Wir danken Ihnen, dass Sie unser Programm kritisch begleiten.

      Freundliche Grüße
      NDR-Multimediaredaktion

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      Liebe Frau Multimediaredaktion,

      vielen Dank für Ihre Antwort.

      Um Gottes Willen! Sie sollten natürlich nicht "Raser" schreiben, eine zweifellos (ab)wertende Beschreibung. Für mich gehört zum Raser das gewohnheitsmäßige Zuschnellfahren, warum sollte man aufgrund der Faktenlage hier so etwas annehmen?

      Ich bat bloß um die möglichst präzise Wiedergabe der Fakten. Die Geschwindigkeit war sicherlich nicht zu niedrig (das sieht man ohne Hinzuziehen eines Kfz- oder Physiksachverständigen) und gleichzeitig nicht angepasst. Also muss sie zu schnell gewesen sein, es geht garnicht anders. Das ist weder Meinungsmache noch Mutmaßung über das Unfallgeschehen, sondern es ist einfaches logisches Schließen mit einer Prise gesundem Menschenverstand.

      Ich glaube es ist Ihre vornehmste Pflicht als Journalistin, Pressemitteilungen kritisch zu hinterfragen. Wie soll ich es verstehen, dass Sie offizielle (oder inoffizielle) Pressemeldungen nicht umformulieren (können/dürfen/wollen)? Wo ist das Gutdünken dabei, eine schwammige Formulierung zu präzisieren? Sie haben ja auch den Feuerwehrsprecher nicht wörtlich wiedergegeben, sondern seine Stellungnahme (absolut angemessen) aufbereitet. Gerade für Ihre Aufbereitung von Informationen zahle ich ja Rundfunkgebühren, denn PM-Abschreiber gibt es auch bei BILD.

      Ich unterstelle Ihnen sicherlich nicht ein absichtliches Schönreden. Aber es kommt aber als tendenziös rüber, wenn der NDR an einer Stelle empfiehlt, man möge nur mit Helm Radfahren und bei zu schnellem Fahren (ob schuldhaft oder nicht, ob moralisch verwerflich oder nicht, ob Raser oder nicht) eher im vagen bleibt. Möglicherweise hätte ich also von Schönhören sprechen sollen. Viele Ihrer Nutzer hören sich Ihre Beiträge schön, deswegen sind präzise Fakten so entscheidend. Das Schönhören Ihrer Nutzer sorgt dann dafür, dass Radfahrer angehupt und geschnitten werden weil sie keine Fahrradhelm tragen und es führt dazu, dass Schönhörer denken, sie hätten ihr Auto bei zu hoher Geschwindigkeit noch unter Kontrolle. Das ist gefährlich. Dieses Schönhören ist es, was viele Verkehrsteilnehmer in Gefahr bringt.

      Dass der Fahrer zu schnell gefahren ist, ist eben bloß präziser als die von Ihnen gewählte Variante. Sie schreiben ja auch nicht "aufgrund irgendeiner Geschwindigkeit", sondern Sie haben sich für einen bestimmten Grad der Präzision entschieden (indem Sie die Formulierung der PM übernahmen). Diese Entscheidung bemängele ich und halte sie weiterhin für falsch.

      Herzlich,
      flinker

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      sollte ich das so oder anders schreiben?
    • Ich find's schön, es ist fast schon als Muster brauchbar. :)
      Ein paar rhetorische Dreckwürfe und Spitzen würde ich aber auch entschärfen, andere sich anbietende vorschlagen. Außerdem gebe ich noch ein paar Vorschläge zur Kürzung, Verbesserung der Prägnanz, Bezugnahme auf die Wortwahl der Multimediaredaktion, sowie einige inhaltliche Ansichten meinerseits:
      Liebe Frau Multimediaredaktion,


      vielen Dank für Ihre Antwort.

      Um Gottes Willen! {Andere Möglichkeit (leiser, gleichzeitig gemeiner): Bitte verstehen Sie mich nicht falsch!} Sie sollten natürlich nicht "Raser" schreiben, {das ist} eine zweifellos (ab)wertende {und unbelegbare} Beschreibung.


      Ich bat bloß um die möglichst {klare Darstellung} der Fakten. Die Geschwindigkeit war nicht angepasst {und zwar nicht zu niedrig, was jeder sofort erkennt}. Also muss sie zu schnell gewesen sein, es geht gar {Leerzeichen} nicht anders. Das ist {keine beliebig angestellte} Mutmaßung über das Unfallgeschehen, sondern {eine unbestreitbare Schlussfolgerung aus den vorliegenden Fakten}.

      Ich glaube{,} es ist Ihre vornehmste Pflicht als Journalist{e}n, Pressemitteilungen kritisch zu hinterfragen {und klar zu stellen, was die offizielle Version Wichtiges ausspart}. Wie soll ich es verstehen, dass Sie offizielle (oder inoffizielle) Pressemeldungen nicht umformulieren könn{t}en (dürf{t}en, woll{t}en)? {Sie sind doch nicht auf die Wortwahl der Behörden verpflichtet!} Was ich hier wünsche, ist mitnichten Gutdünken, sondern eine notwendige Verdeutlichung, notwendig für den richtigen Tenor. Sie haben ja auch den Feuerwehrsprecher nicht wörtlich wiedergegeben, sondern seine Stellungnahme (absolut angemessen) aufbereitet. Gerade für {die kritische} Aufbereitung von Informationen {durch Sie} zahle ich ja Rundfunkgebühren; {Pressemitteilungen könnte ich mir auch direkt abholen}.

      Ich unterstelle Ihnen {kein} absichtliches Schönreden. Aber es {ist irritierend}, {wie der NDR einerseits bei Radfahrunfällen es regelmäßig erwähnt, wenn der Überfahrene keinen Helm trug (sodass er dann doch ein wenig mitschuldig wirkt), andererseits aber bei zu schnellem Autofahren – selbst wenn es ursächlich war! – sprachlich im Vagen bleibt; mit dem Ergebnis, dass Zuschnellfahren weiterhin als ganz alltäglich gelten kann und nicht als rücksichtslos gefährlich, was es viel zu oft ja ist.} Möglicherweise hätte ich also von Schönhören sprechen sollen. Viele Ihrer Nutzer hören sich Ihre Beiträge schön {–} deswegen ist {klare und bildliche Sprache} so wichtig. Das Schönhören Ihrer Nutzer {trägt dann dazu bei}, dass Radfahrer angehupt und geschnitten werden weil sie keine Fahrradhelm tragen und es führt dazu, dass Schönhörer denken, sie hätten ihr Auto bei zu hoher Geschwindigkeit noch unter Kontrolle. Das ist gefährlich. Dieses Schönhören {bringt} {letztendlich immer wieder} Verkehrsteilnehmer in Gefahr, {dem sollten Sie zuvorkommen.}

      Dass der Fahrer zu schnell gefahren ist, ist eben bloß präziser als die von Ihnen gewählte Variante. Sie schreiben ja auch nicht "aufgrund irgendeiner Geschwindigkeit", sondern Sie haben sich für einen bestimmten Grad der Präzision entschieden (indem Sie die Formulierung der PM übernahmen). Diese Entscheidung bemängele ich und halte sie weiterhin für falsch.
      {Die Präzisierung auf „zu schnell“ ist also nicht nur unzweifelhaft richtig, journalistisch zulässig und
      guter klarer Stil, sondern (als ein Beispiel für viele) ein entscheidender Beitrag zur Verbesserung der Sicherheit [auf deutschen Straßen/im Verkehr].} {{{ Diesen Absatz kann man aber wohl auch weglassen, um kurz zu sein. }}}

      Herzlich,
      flinker

      Wenn ich so drüber nachdenke: Wenn die sich weiterhin zieren, könntest du die auch vor die Wahl stellen, anstatt der Umformulierung nur hinzuzufügen: „Nicht-angepasst steht in der Polizeisprache dafür, dass der Autofahrer zu schnell unterwegs war.“